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Das Angebot auf dem Beratungsmarkt ist inzwischen unüberschaubar geworden. Wer “Lebensberatung” sucht, wird vor allem in der esoterisch-spirituellen Ecke oder auf dem Gebiet der fernöstlichen Ganzheitslehren fündig: Hier wird von “Bewußtseins-Training” über “Lifestyle-Coaching", “Meditation” und  “Reiki” alles angeboten, was das Sinnsucherherz begehrt. Nun soll diese Angebotsfülle keinesfalls diskreditiert, noch weniger die persönlichen Fähigkeiten einzelner Anbieter in Zweifel gezogen werden. Die folgenden Ergänzungen auf dieser Webseite dienen allein der Abgrenzung der Philosophischen Praxis von anderen Angeboten mit dem Ziel, ihre Besonderheit herauszustellen. Da mir bei der Bewerbung meines Angebots hier und dort Unverständnis, aber auch offene Vorurteile bezüglich des Sinns von Philosophie überhaupt begegnet sind, scheint mir auch eine kurze Darstellung des philosophischen Ansatzes unumgänglich.

Hier ist zunächst zu bemerken, dass die Begriffe und Denkmodelle der Philosophie wissenschaftlicher Natur sind. Dies möchte ich vor allem gegenüber Zeitgenossen hervorheben, die immer noch meinen, mit “Philosophie” sei in erster Linie etwas Subjektives, irgendwie Innerliches, gar Intimes gemeint, von dem man weniger etwas wissen, als vielmehr inwendig überzeugt sein müsse. Diese Suggestion finden wir vorwiegend bei solchen (meist esoterischen) Angeboten, die sich hemmungslos des philosophischen Vokabulars wie “Sinn-” oder “Selbst(findung)”, “(Selbst-) Bewusstsein”, “Erkenntnis”, “Individualität”, “Selbstbestimmung” usw. bedienen, ohne jedoch den Nachweis der Quellen zu führen, aus denen heraus solche Begriffe verstanden und angewandt werden.

So unkt etwa der folgende Angebotstext: “Ihr neues Selbstbewusst-Sein bringt Ihnen einige wichtige Vorteile: Sie gewinnen schöpferische Kraft, gestalten Ihr Leben bewusst und selbst. Sie werden Entscheidungen treffen unabhängig vom Für und Wider des Verstandes.” Für einen Philosophen ist ein solches Versprechen nicht nur unseriös, es ist geradezu falsch. Denn Selbstbewusstsein oder das Leben bewusst verändern wollende Entscheidungen können gar nicht ohne Beteiligung des Verstandes zuwege gebracht, geschweige denn “verstanden” werden. Wer Ihnen etwas anderes verspricht, um den sollten Sie einen großen Bogen machen; und stattdessen lieber einen Philosophen aufsuchen, der Ihnen den Sinn dieser Worte nicht nur fundiert erklären, sondern auch zu Ihrem Vorteil eröffnen kann.

Doch ist die Entlehnung genuin philosophischer Begriffe in teilweise sinnentstellenden Zusammenhängen nicht die einzige Gefahr, die der altehrwürdigen Philosophie droht. Viel gefährlicher ist die Sinnentleerung des Begriffs “Philosophie” selbst, in deren Folge dieses Wort im schlechtesten Fall sogar als Generaletikett für alle möglichen und unmöglichen Arten von Heilsversprechen genommen wird. So zeigt etwa die Selbstzuschreibung einer “Firmenphilosophie”, aber auch die Redeweise von einer “eigenen Philosophie”, die jemand im Laufe seines Lebens entwickelt habe, in den meisten Fällen auf eine falsche Verwendung des Begriffs. Denn “Philosophie” ist kein Produktname, der per se Echtheit oder Unverfälschtheit transportiert und beliebig auf jede Art von Besonderheit geklebt werden könnte. Vielmehr fordert Philosophie Zweifel, Kritik, Skepsis, aber auch zu Mut und Engagement heraus, für abweichende Meinungen und unpopuläre Ansichten geradezustehen - Dinge, die gemeinhin Verkaufszahlen oder gesellschaftliches Ansehen nicht gerade in die Höhe treiben. Dementsprechend muss jemand, der Ihnen “Philosophie” anbietet, noch lange kein Philosoph sein, der diese Sache wirklich ernst nimmt. Es lohnt sich also, nachzufragen: Was verstehst du darunter? Und warum nennst du Deine Sache “Philosophie”, wenn Worte wie “Selbstverständnis”, “Geschäftsidee” oder schlicht “Konzept” ausreichend wären, sie zu beschreiben?

Eine dritte Gefahr schließlich erwächst der Philosophie aus dem ihr eigenen Wesen, das seit jeher ambivalent ist. Dies drückt sich in der Rede vom “Elfenbeinturm” aus, in dem viele Menschen heute noch die Philosophie vermuten. Über den Dingen, hoch und hehr, aber unantastbar und ohne Bodenkontakt - solches oder ähnliches will uns dieses Vorurteil sagen. Unglücklicherweise tun viele, meist akademische Philosophen auch wirklich ihr Bestes, um das Klischee zu erfüllen: Sie reden in einer schwierigen, gewundenen Sprache, die nur Eingeweihte entschlüsseln können; ihre Standpunkte wirken abstrakt und blutleer, wie nicht von dieser Welt; selten trifft man sie an, wie sie in aktuellen Diskussionen und an gesellschaftlichen Brennpunkten das Wort erheben.

Doch für uns - die Philosophischen Praktiker - ist ein solches Verhalten Vergangenheit. Wir verstehen Philosophie nicht als akademisches “Fach”- oder Geheimwissen (“Esoterik”), sondern wollen die belebende Kraft des philosophischen Denkens in die Mitte der Gesellschaft bringen. Dies geht aber notgedrungen nicht ohne Wahrung des Abstands, in dem sich das herkömmliche Denken zum Neuen, Unvermuteten, bislang Übersehenen immer befindet. Dem Philosophen kann es also nicht darum gehen, Überzeugungen zu schaffen oder an die Stelle von altem Denken neues zu setzen. Vielmehr kümmert er sich um das Offenhalten dieses Spielraums, um die Wahrung der Möglichkeit, anders oder überhaupt zu denken; kurz: um Freiheit. Dabei mag es immer wieder solche geben, die diesen Spielraum besetzen wollen, sei es durch Dogmen, Ideologien, allzu einfache Erklärungen, kurzsichtige Schlussfolgerungen oder einfach nur, um daraus einen persönlichen Vorteil absehen zu können.

Gegen alle drei Gefahren hat der Philosophische Praktiker Rezepte an der Hand. Schon aus Berufsgründen ist er kritisch und weltoffen, mißtraut blumigen Erklärungen und achtet auf Genauigkeit und Redlichkeit in Sprache, Handeln und Verhalten. Philosoph ist er nicht kraft einer Selbstzuschreibung, sondern aus Kenntnis philosophischer Argumente und Haltungen, die er aufgrund wissenschaftlicher Vorbildung voneinander abzugrenzen und abzuwägen weiß. Dabei sind Verständlichkeit, Nachvollziehbarkeit, aber auch Geduld, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit seine wichtigsten Prämissen und Tugenden, von denen er ebenfalls gründliche Kenntnis besitzt. Bei dieser Berufsauffassung des Philosophischen Praktikers ist zu beachten, dass er sie nicht für sich pflegt oder darum, sie jemand anderem aufzunötigen, sondern um der philosophischen Sache willen. Das muss erläutert werden.

Philosophie, so haben wir bis hierher gesehen, ist kein Rezept an sich, das sich “für” oder “gegen” etwas einsetzen ließe. Sie “dient” nicht der Erklärbarkeit der Welt, von Persönlichkeit, Systemen o.ä. - Sondern Philosophie fragt. Sie ist, so könnte man sagen, die Kunst, die richtigen Fragen zu stellen. Wenn überhaupt, dann dient der Philosoph dabei der Philosophie, nicht umgekehrt; eine Haltung, die er grundsätzlich auch mit denen teilen will, denen er begegnet. Doch soll niemand meinen, Fragen zu stellen bedeute, sich Konsequenzen zu entziehen oder Antworten zu vermeiden. Der Fragende entdeckt vielmehr, dass Fragen weitere Fragen beinhalten, die man bislang noch nicht gesehen hat. Er entdeckt weiterhin, dass nicht alle Fragen nach Lösungen verlangen. Oder er findet, dass einigen Antworten die Frage abhanden gekommen ist, die nun neu gesucht werden muss, um die Antwort rechtfertigen zu können. Viele Menschen können das noch nicht oder nicht mehr. Sie meinen, alles und jedes müsse auf irgendetwas “hinauslaufen” und übersehen dabei, dass Ihnen nur die richtige Frage weiterhelfen könnte, von solchen starren Fixierungen weg zu kommen.

Dieser Grundansatz der Philosophie erklärt, warum sie sich in erster Linie nicht selbst, sondern erst einmal alles andere in Frage stellt. Menschen, die noch nicht viel von Philosophie verstehen, mögen deshalb meinen, Philosophen seien hochmütig oder bar jeder Selbstkritik - ein groteskes Mißverständnis. Wahr ist das Gegenteil: Ein echter Philosoph “versteckt” sich nicht hinter seinen philosophischen Fragen, sondern er versucht durch sie einen Freiraum zu schaffen, in dem auch er vorkommt. Er sieht die Philosophie durch seine Beteiligung im Frageprozess nicht bereits verwirklicht, sondern umgekehrt seine eigene Verwirklichung als abhängig vom Prozess. Eine Passage aus ADORNOs “Philosophische Terminologie” bringt diesen Sachverhalt besonders deutlich zum Ausdruck:

“HEGEL hat gesagt, für die Philosophie gelte in besonderem Maße das lateinische Sprichwort, dass man einzig durch Schmieden Schmied werde. Das bedeutet für die Philosophie aber nicht nur, dass man erst dadurch, dass man sie betreibt, Kenntnis von der Philosophie selbst erwirbt; das würde die Philosophie von anderen Disziplinen gar nicht wesentlich unterscheiden. Vielmehr entfaltet das, was sie eigentlich ist, sich überhaupt erst in einem Prozess; es lässt sich gar nicht vorausnehmen, es sei denn in jenem vagen Vorgefühl, von dem ich unter dem Begriff Aura gesprochen habe. (...) Ich möchte hier schon festhalten, dass das Verhältnis der Philosophie zu ihrem Gegenstand anders ist als in anderen Wissenschaften auch insofern, als in ihr nicht ein fixiertes Sachgebiet dem Geist gegenübersteht; die Philosophie wird dabei ebenso durch die Verhaltensweise des Geistes selbst bestimmt wie durch die Gegenstände, mit denen sie sich abgibt. Das klingt in jenem Begriff der Liebe zur Weisheit schon an.”

Philosophie, so können wir nun sagen, stellt nicht nur Fragen, sie macht dieses Fragen auch zu einer “Verhaltensweise des Geistes”. Diese Redewendung mag manchem (der vielleicht davon ausgeht, dass nur jemand, nicht aber “der Geist” Verhalten zeigen kann) unvertraut erscheinen; sie trifft jedoch recht genau, um was es uns hier geht: Das philosophische Fragen nämlich ist kein In-Frage-stellen aus Prinzip, kein stures Bestehen auf dem Fragwürdigen, kein Fischen im Trüben des Unbeantwortbaren. Sondern ein Instrument, das auf die Gegenstände angewandt wird, um diese dem Geist überhaupt erst zu erschließen: Die philosophische Frage zeigt nicht auf Vorfindbares, sondern sie geht umgekehrt davon aus, dass das Bestehende für den Geist erst dann existiert, wenn es befragt werden kann. Dies gilt nicht nur für Umstände, in denen wir uns schon befinden, oder Situationen, in denen wir bereits sind. Es gilt auch für Meinungen, die wir bereits gebildet haben, Wissen, das wir uns schon angeeignet haben, und charakterliche Dispositionen, die wir uns zurechnen und an die wir uns gewöhnt haben.

Von dieser Warte aus läßt sich der Vorteil Philosophischer Praxis gegenüber esoterisch-spirituellen, aber auch seelsorgerischen oder psychotherapeutischen Ansätzen klar ins Auge fassen: Wie das so genannte “Ganzheitsheitsdenken” in vielen spirituellen Angeboten geht auch der Pfarrer als Seelsorger und der Psychotherapeut davon aus, dass das Ganze - Gott oder die Seele - schon manifestiert ist und sich der einzelne Mensch in einem Verhältnis dazu befindet. Der Philosophische Praktiker hingegen fragt, wie sich diese Verhältnisse, sofern sie bereits wirklich existieren, dem Geist darstellen und vor ihm bestehen können. Der Geist wird dabei nicht einfach vorausgesetzt, sondern vielmehr, wo immer es möglich ist, provoziert und in Tätigkeit versetzt. Jene Aura aber, von der uns ADORNO erzählte, möchte er gerade nicht erzielen. Das “Licht der Philosophie”, in dem man sich behaglich sonnen oder gut darstellen kann, ist ihm suspekt.